Jan 312009
 

Kölner Stadt-Anzeiger (31.1.09):

“OneDropLeft” fordert dazu auf, mehr Mitverantwortung zu übernehmen. Der Reggae und der HipHop in Köln sind kreativ und selbstbewusst, wie beim Doppelkonzert im Kulturbunker Mülheim zu erleben war.

Zelebrierten den Reggae am Rhein: Die zwölf Brothers and Sisters von "One Drop Left". (Bild: Max Grönert)

VON PETER LIMBACH: Mülheim – Jamaica ist so nah – und doch so weit entfernt. Von der karibischen Insel wurden der frickelige Rhythmus des Reggae und seine universelle Philosophie von Freiheit und Menschenliebe in die weite Welt hinaus getragen. Charismatische Missionare wie der große und 1981 viel zu früh verstorbene Bob Marley haben dafür gesorgt. Doch es ist eine großzügige Weltanschauung, so frei und offen wie sich die Reggae-Anhänger die Welt wünschen. Und deshalb machen sich auch die zwölf Brothers and Sisters von One Drop Left, die bei der Klangprobe live im Kulturbunker aufspielten, ihre eigenen Reime auf die Herzens-Musik. Man neigt ja in Köln leicht zu waghalsigen Superlativen, doch dies zumindest kann gesagt werden: So reichhaltig wie am Rhein ist der Reggae nicht überall.

Gitarrist Lars zum Beispiel hat natürlich all die geradezu mikroskopisch detaillierten „Riddims“ in petto, die zum Reggae gehören. Doch gerne lässt er auch den Rhythmus mal beiseite und pfeffert dem Publikum ein Heavy-Metal-Riff entgegen. Geigerin Julia steuert hin und wieder so herbe Klänge bei, wie man sie sonst vom Balkan kennt. Sänger FreshDuxx Ben Jammin (Marian Siep) stimmt plötzlich das hebräische Volkslied „Hava Nagila“ (Lasst uns glücklich sein) an.

Bassistin Lea Schneidereit, die das Riesenensemble mit mächtig vibrierendem Bass nach vorne treibt, liebt die Freiheit, die der Reggae ihr und allen anderen Musikern auf diesem Planeten lässt. „In Neuseeland etwa ist der Reggae sphärischer, ruhiger, in Jamaica ist er eher minimalistisch, da geht es noch ein bisschen mehr als anderswo um die Botschaft der Texte“, schildert die 23 Jahre alte Pädagogik-Studentin. In Köln sei er möglicherweise deshalb so locker, „weil die Stadt ja tendenziell ebenfalls so ist“.

Aber auch die Lyrik von One Drop Left, die Fresh Duxx Ben Jammin verfasst, hat ein anderes Gewicht als zum Beispiel bei den Jamaicanern. Nicht schlechter, aber leichter ist, was FreshDuxx singt – die Thematik ist naturgemäß vergleichsweise weniger ernst. „Bleibt standhaft im Sturm, glaubt an das, was ihr habt, geht den Schritt nach vorn, und nicht zurück und schon bald“, heißt es im Song „Stillstehen“. Da geht es auch um den Kampf gegen Egoismus und Ausbeutung allerorten. Allerdings können Kölner Reggae-Musikanten dabei doch gelassener bleiben. „Die Texte in Jamaica und anderen Ländern, denen es nicht so gut geht, sind sicherlich härter“, sagt Lea Schneidereit, „wir hier regen uns über Studiengebühren auf, anderswo hat man noch nicht mal Brot und Wasser, um überleben zu können.“

Natürlich ist auch One Drop Left das Engagement für eine bessere Welt wichtig. Immer wieder schallt die Aufforderung, „nicht allein für Geld und Konsum zu existieren“, durch den Kulturbunker. Im selben Geist hatte im Vorprogramm schon Sascha Sieger alias Mäc Poser von der HipHop-Formation Doctor Positiva zu mal bedrohlich düsteren, mal aufrüttelnd rotzigen Beats und Sound-Tüfteleien gerappt. „Wir sollten viel bescheidener sein, denn um alle Wünsche zu erfüllen, ist diese Welt zu klein“, fordert Mäc Posa, der Sozialarbeit studiert, mehr Mitverantwortung für die Armen im Lande. Doctor Positiva finden, dass der HipHop doch ein wenig zu selbstgefällig geworden ist, an Schärfe im Einsatz für die bessere Welt verloren hat. Und die Musikfreunde befanden: Der „Doctor“ hatte auf der Bühne des großen Saals oben im Kulturbunker, über den Dächern des multikulturellen Mülheims, die richtigen Gegenmittel parat.

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